1. Station: Prateranlage (Kleinweidenmühle)

Der 3. September 2021 war für uns alle in besonderer Tag. Vor genau 365 Tagen startete das Klimacamp Nürnberg und wird als längste Demonstration der Stadt in die Geschichte eingehen. Doch irgendwie war das auch ein mulmiges Gefühl für uns . Es fühlte sich an, als hätten wir ein Jahr demonstriert und so gar nichts von unseren Zielen wurde erreicht.

Ist etwa die Innenstadt Autofrei?
Oder gab es einen Stopp des Ausbau des Frankenschnellwegs?
Wurden etwa 20 % der Parkplätze in Begegnungsplätze umgewandelt?

Nein, keine der 12 Forderungen, die das Bündnis Nürnberg for Future aufgestellt hat, wurden nach dem immensen Kraftakt, ein Klimacamp ein Jahr lang zu stemmen, erfüllt. Trotz weltweiten Umweltkatastrophen, provoziert durch den Klimawandel, wie den Buschbränden in Australien, Waldbränden in Griechenland und Italien, dem Starkregen und der Überschwemmungen Flutkatastrophen in NRW, Rheinland-Pfalz und Bayern und zahlreichen anderen Umweltkatastrophen, hat der Stadtrat, der Bezirk Mittelfranken, der Landtag Bayern, der Bundestag oder das Europaparlament keinen wirksamen und ernstzunehmenden Kurswechsel im Verkehr, der Landwirtschaft oder der Energie vollbracht, hin zum 1,5 Grad Ziel. Stattdessen viel Gerede, aber nichts passiert.

Und genau deswegen haben wir, im Grunde ein Akt der Verzweiflung, uns zu einer Gruppe zusammen gefunden, die temporäre Mahnwachen, sozusagen das Klimacamp für eine Woche, in verschiedenen Stadtteilen machen will. Weil ein Klimacamp offenbar nicht ausreicht und weil wir mittlerweile viele Menschen sind, werden wir auf verschiedenen Hochzeiten tanzen – wir machen weiter!!!

Bei der ersten Station wollten wir eigentlich zum Rosenaupark. Ein wunderschöner Fleck in Nürnberg, perfekt für den ersten Zirkus. Dachten wir zumindest, bis uns das Ordnungsamt die Prateranlage als Alternative vorgeschlagen hat. Nach kurzen überlegen, haben wir dem zugestimmt und sind ein paar Meter weiter auf die Prateranlage gezogen. Die Anlage befindet sich direkt neben der Tramstation „Obere Turmstraße“ und neben unserem einwöchigen Zuhause war der Altstadtring, eine vierspurige Straße.

Die Frage, die uns die ganze Woche begleitet war, wie autofokussiert und rückschrittlich eine Stadtplanung eigentlich sein kann? Diese Straße ist praktisch der Burggraben des 21. Jahrhunderts! Er spaltet die Altstadt von allen anderen Stadtteilen ab. Die Altstadt hat die schönen Fußgängerzonen, die tollen Museen, Läden, Bars und Restaurants, aber den anderen Stadtteilen bleibt vieles davon verwehrt. Das konnte man an der Prateranlage sehr gut beobachten. Hier die Altstadt, dort der Burggraben mit seiner vierspurigen Erweiterung und auf der anderen Seite Lärm und Luftverschmutzung durch den längst sinnlosen Autoverkehr.

Die Prateranlage ist kein Ort zum verweilen, der Lärm der Autos, der Anblick auf die Straße, nein hier will und kann man nicht entspannen! Deswegen hing auch die ganze Woche vom Zirkus aus ein rießiger riesiges Banner zum Straßenverkehr hin „Car is over!“ Man stelle sich nur mal kurz vor, was man mit dem Platz anfangen könnte, wäre dort keine vierspurige Straße. Die Parkanlage könnte erweitert werden, es könnten Bäume gepflanzt werden, es wäre Platz für Fußgänger und Radfahrer, man könnte Märkte und Festivals veranstalten usw..

Ca. eine Stunde haben wir für das Aufstellen des Zirkuszeltes gebraucht. Wir konnten uns das Zelt von der evangelischen Jugend Führt ausleihen und mussten dann leider ohne Expertin dieses Zelt aufbauen. Aber dann stand es und die erste Frage war: „Was machen wir jetzt mit diesem riesen Zelt?“. Drinnen war es sau warm, fast wie eine Sauna, aber wir hatten riesig viel Platz. Da es die ganze Woche super Wetter hatte, benutzen wir das Zelt eher als Aufhänger für Plakate und politische Botschaften. Mit diesem Zirkuszelt entstand ein bizarres Gefühl, auf der einen Seite spürte man die Freude über einen Zirkus, auf der anderer Seite las man überall vom verheerenden Klimawandel.

Am ersten Tag, also am Freitag, 3. September, bauten wir auf und besprachen uns am Abend noch in einem Plenum, welche Aufgaben wir noch für die kommende Woche zu tun hatten. Ein Plenum abzuhalten, fiel uns ziemlich schwer, weil der Autoverkehr so unfassbar laut war.

Am Samstag hatten wir gutes Wetter und es kamen viele Kinder vorbei und uns fiel auf. „Oh meno, wir haben gar kein Programm für Kinder!“ Also gab unsere Yeng gleich am Sonntagvormittag einen Workshop für Kinder, wo sie den Wasserkreislauf erklärte. Am Abend wurde es dann politisch und wir sprachen mit Jörg Alt über sein neues Buch „Einfach Anfangen“.

Montagabend wurde auf das Problem der Lebensmittelverschwendung aufmerksam gemacht, dabei war Foodsharing Nürnberg zu Gast im Klimazirkus. Natürlich durfte das Konzert von Erik Stenzel am Dienstagabend nicht fehlen, der mit seinen Texten über die Klimakrise eine teilweise sehr bedrückende Stimmung schaffte.

Zwei Stadträte, einer von der SPD Gerhard Groh und von den Grünen Cengiz Sahin, wurden am Mittwoch zur Podiumsdiskussion eingeladen, wo wir darüber erstaunt waren, wie wenig die Klimakrise im Denken der beiden Stadträte scheinbar angekommen ist. Das Motto schien zu sein, ein paar Korrekturen, und dann sind wir schon auf dem richtigen Weg. Aber dass die Klimakrise alles verändert, dass wir irgendwann keine Autos mehr in der Stadt fahren sollten, dass wir keinen Flughafen mehr brauchen, dass wir auf Parkplätzen auch Bäume pflanzen könnten, kam in keinem der Wortbeiträge der Beiden vor.

Donnerstagnachmittag hatten wir dann noch einen kurzen Schockmoment als ein Porsche in die Straßenbahn knallte, keine zehn Meter entfernt von der Prateranlage. Abends bauten wir schon wieder ab, weil der Wetterbericht Regen ansagte und wir uns das Trocknen des Zeltes ersparen wollten. Und so ging eine Woche doch ganz schnell rum und wir gönnten uns erstmal alle Urlaub. Ein Jahr Klimacamp und danach noch 6 Tage Klimazirkus! Wir waren einfach platt!

Beitrag erstellt von Samuel

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