3. Station: Aufseßplatz (Galgenhof)

Aufseßplatz malen 2

Am 26. März wurde der Aufseßplatz erstaunlich bunt. Die sonst so grauen Steinreihen wurden geschmückt mit Tiegeln von Stoffmalfarbe, leuchtende Deckel in Pink, Gelb, Rot lagen auf dem Platz, Symbole von Extinction Rebellion zwischen den Farbbechern und viele Kinderhände, die mit Pinseln hantierten. Der Satz des dritten Klimazirkus, der mir am meisten in Erinnerung bleiben wird, ist: „Achtung, die Stoffmalfarbe!!“, dazu die unabwendbare Katastrophe, dass jemand den roten Tiegel mit dem Fuß umstößt und die Farbe auf die Steine kippt, und dann irritiert weiter tapst.

Ja, auch Stoffmalfarbe ist politisch, denn die XR-Sanduhr wurde auf T-Shirts gedruckt. Zahlreiche Kinder und Jugendliche malten diesen Stempel an, dazu einen Lebensbaum und einen Schmetterling. Ob sie XR kannten, frage ich mich, doch die Natursymbolik war allgegenwärtig. XR war allgegenwärtig, ohne dass darüber gesprochen wurde. Die Sanduhr, die für mich bedeutet, dass unsere Zeit zum Abwenden der totalen Klimakatastrophe knapp wird, ist für andere vielleicht nur eine Sanduhr. Wenn alle die Bedeutung kennen würden, hätte ich bestimmt mehr Gespräche dazu gehört – doch die radikale Botschaft blieb weitestgehend verborgen hinter harmlosen Wünschen, sich malerisch auszutoben. Tatsächlich mutete der Klimazirkus eher wie eine Kinderbespaßungsanlage an. Wir saßen bei Sonnenschein auf dem Platz, lieferten uns ein Wettstarren mit den Menschen, die im Café vor uns frühstückten. Einige Vorbeigehende blieben vor den Plakaten des Magazins Katapult stehen. Skeptisch und stirnrunzelnd schauten sie auf die Zahlen. Die Höhe der jährlichen umweltschädlichen Subventionen der Bundesregierung. Die CO2-Emissionen von Autos, Bussen und E-Scootern. (Spoiler: E-Scooter schneiden nicht gut ab. Autos auch nicht.)

Aufseßplatz Plakate

Einen ganzen Tag war die Klimakatastrophe am Aufseßplatz präsent, die Forderung nach großen Veränderungen, und gleichzeitig flossen Passanten an uns vorbei und die großen Fragen blieben unberührt. Jedoch im Kleinen zeigte sich das Interesse an Klimagerechtigkeit und Klimaschutz. Die Petition für ein 365 Euro- Ticket im Jahr für den öffentlichen Nahverkehr wurde fleißig unterschrieben. Auch wurde auf die selbst gemalten Plakate zu der Frage „Was wünschst du dir für den Aufseßplatz?“, die Erkenntnis laut: Der Aufseßplatz ist allen zu grau. Zu leer. Auch ich als Nicht-Nürnbergerin frage mich, wie die Menschen dies aushalten: Eine große Fläche, umsäumt von Cafés und Shops, als hätte jemand einfach ein Viereck in den Stadtplan gemalt, das dann in der Realität mit Pflastersteinen gefüllt werden soll. Der Wunsch nach einem Platz mit mehr Bäumen ist da und sollte gehört werden.

Beim Earth Jenga liebten die Kinder es, wenn der Turm, der aus allen Ökosystemen besteht, dank fehlender Bausteine zusammenbrach. Das große Ganze, der Turm als weltweites Klimasystem, sollte zerfallen. Wenn zu viele Bausteine fehlen, also zu viele Kipppunkte ausgelöst werden, zerfällt das Klimasystem, es wird unberechenbar und tödlich für uns Menschen. Dass die Kinder sich freuen, wenn der Turm einstürzt, war ein surrealer Anblick. Aber ich wusste als Kind auch nicht, was Kipppunkte sind. Der Klimawandel war allgegenwärtig, ist es auch, auch ohne Klimazirkus – nur nehmen wir ihn manchmal nicht wahr. Blenden aus, sehen nicht, was sich bereits verändert hat. So schien auch beim Klimazirkus das 365 Euro Ticket verständlicher für die Menschen zu sein, als der Klimaentscheid Nürnberg, und Ersteres wurde bereitwilliger unterzeichnet.

Weil der Turm vor unseren Augen zusammenbrechen kann, und in der Realität wird keiner darüber lachen, oder Spaß haben beim Zuschauen, abgesehen von ein paar Superreichen, die sich Schutzbunker zulegen können – weil das alles so überfordernd und komplex ist, brauchen wir lokale Antworten. Wir können nicht alle Regierungen, nicht mal die Bundesregierung sofort umstimmen, die nachfolgenden und jetzigen Generationen zu schützen vor Dürre, Hunger und Naturkatastrophen. Je höher die politische Ebene, desto schwieriger wird es, die Ziele zu erreichen, denn desto höher sind auch die Hürden.

Lokale Antworten sind genauso wichtig und entscheidend, wie das große Ganze zu kritisieren und zu verändern. Ein grüner Aufseßplatz schenkt den Menschen mehr Erholungsraum in der Stadt, unversiegelte Flächen heizen sich im Sommer weniger auf, werden weniger überschwemmt bei Starkregen, weil der Boden mehr Regen aufnehmen kann als Steinreihen. Das sind Maßnahmen, die den Menschen kurzfristig, aber auch langfristig gut tun, wenn Starkregen zukünftig häufiger wird.Ein 365 Euro Ticket, also einen Euro pro Tag zu zahlen für den ÖPNV, spart Stress beim Autofahren, bei der Parkplatzsuche, weniger Staus und Abgase. Menschen ersparen sich kurzfristig die Irrfahrten auf dem Parkplatz und Flüche beim Autofahren in Nürnberg. Und langfristig gäbe es weniger Autos, wenn weniger darauf angewiesen sind und die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen können. Denn auch E-Autos verbrauchen Energie und Ressourcen, werden aus Rohstoffen gebaut, die unter unmenschlichen Bedingungen abgebaut werden.

Lokale Veränderungen haben eine immense Bedeutung, weil sie auch globale Auswirkungen haben. Genauso gut, wie man behaupten kann, das bringe alles nichts, andere müssten etwas verändern, können wir genauso gut sagen, unser Handeln ist schon so global, jeder Kauf, jede Handlung kann eine globale Geschichte haben. Eine Petition, ein Kasten mit Stoffmalfarbe kann etwas zum Guten wenden. Nürnberg kann sich verändern, damit diese Kinder, die beim Kipppunkte-Spiel lachen, auch noch als Erwachsene lachen können.

Der Beitrag wurde als Gastbeitrag von Swantje erstellt

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